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About the art / Über die Kunst

Ich denke nichts, wenn ich male, ich sehe Farben. (Paul Cezanne)


Christine Waldbüßer – Malereien

 

Mit Freude hat sich Christine Waldbüßer an die Kunst verloren. Nach dem Kunststudium arbeitete sie lange Jahre als Kunstpädagogin. Parallel dazu, ihrer Neigung folgend, betätigte sie sich in der Bildenden Kunst. Diese Doppeltätigkeit erlaubte es ihr, aus der praktischen künstlerischen Erfahrung heraus, den Unterricht aktuell zu gestalten. Befreit vom kommerziellen Druck konnte sie kompromisslos ihre eigene Kunstauffassung sich entwickeln lassen. Gut, dass sie darin, trotz vieler Verpflichtungen, nicht nachgelassen hat. So können wir uns heute mit ihrem reichen Werk auseinandersetzen.

 

Künstlerinnen und Künstler sind wegen der starken Subjektivität, die unbedingt nötig ist, oft nicht einfach zu verstehen. Meine eigenen Gedanken zu ihrer Arbeit, so hoffe ich wenigstens, sollen ein wenig erhellend wirken.

 

Als ich Christine Waldbüßers Bilder sah, ahnte ich, dass sie mit großer Freude ans Werk geht. Sie erfindet Formen, bestimmt die Farbigkeit und Proportionen. Ganz im Malen verweilend verliert sie sich. Das Dopamin, das während schöpferischer Prozesse freigesetzt wird und Glück verströmt, genießt sie. Rundherum vergisst sie alles, verliert sich im selbstvergessenen Tun, ist ganz im “flow“. Sie malt wirklich viel. Sie ist fleißig. Zu malen macht ihr großen Spaß.

 

Sicherlich durchlebte sie während des Studiums eine aufregende und anregende Zeit. Es herrschte gerade die Studentenrevolte voller Brüche, auch in der Kunst. Danach begann sich alles neu zu formieren. Jeder musste für sich lösen, wie es weitergehen sollte.

 

Dröseln wir also ihren künstlerischen Kosmos etwas auf, der uns Einblick gibt in die Welt vor und hinter ihren Bildern. Zunächst gehe ich einmal der Frage nach, woher die Themen, die sie sich stellt, kommen. Insgesamt kann man sagen, dass ihre Themen autobiografische Züge aufweisen. Wach beobachtend sieht sie unvermittelt etwas, z.B. eine stilllebenähnliche Anordnung, die sie dann augenblicklich zeichnerisch oder malerisch festhält. Ihre Wahrnehmung konzentriert sich in einem kurzen Augenblick auf etwas, dass ihr Interesse weckt. Dabei lässt sich nicht immer genau sagen, was das spezielle Interesse denn ausmacht. Sicher spielen dabei Vorlieben für eine bestimmte Konstellation eine gewisse Rolle. Dennoch, sehr oft folgt sie ihrer Intuition. Sie sucht nicht, sie findet. Bei ihren früheren Arbeiten kann das leicht nachvollzogen werden. In ihren Skizzenbüchern und Zeichnungen finden sich viele solcher flüchtiger, intuitiv registrierter Augenblicke: Landschaften, Häuser, Menschen. Man kann sagen, dass sie das Festhalten von Augenblicken gut trainiert hat. Wie sie es selbst formuliert, ist eines ihrer Grundthemen der Augenblick, der mal mehr oder weniger flüchtig ist.

 

Darüber hinaus entwickeln sich Themen oder ganze Werkgruppen aus einer Reihe ganz persönlicher Fragestellungen, z .B. der Frage: Wo liegen meine Wurzeln? Sie antwortet darauf, immer schon einen besonderen Bezug zur Landschaft habend, mit einer Werkgruppe von Landschaftsbildern. Auf die Frage, woraus bin ich geschaffen, antwortet sie: „Ich bin unter anderem eine Ansammlung fleischlicher Zellen“. Also reagiert sie darauf mit einer Werkgruppe, in der das Fleisch zum Grundthema wird. Oder aber eine weitere ihrer Fragestellungen lautet: Was brauche ich zum Ausgleich? Ihre Reaktion ist eine Serie sogenannter „Bettenlandschaften“, die sich aus Bergen und Tälern von Federbetten und Kissen herbeiphantasieren lassen.

 

Immer wieder interessiert sie sich für Augenblicke, in denen Zeitgleichheit dominiert. So bei ihren Collagen mit unterschiedlichen Bildermotiven, die sie beispielsweise Zeitschriften entnimmt und neu zusammensetzt. Jetzt erscheinen unterschiedliche zeitliche Ereignisse neu gebündelt auf einer neuen Ebene.

 

Aufmerksam beobachtet sie die Medienwelt mit ihrer Informationsüberfrachtung. Hier reagiert sie mit zusammen gewürfelten Bildern aus Zeitschriften und Werbeprospekten in Form von Collagen. Diese können für sich stehen, sind aber manchmal in ihre großen Bilder einmontiert.

 

Warum noch malen, so fragt sie sich, wenn alles schon tausendfach in den Medien abgebildet ist? Weil Menschen alle Zeichen immer wieder neu arrangieren und problematisieren müssen. Der Intellekt, aber vor allem das Unterbewusste, verlangen danach, immer wieder und in jeder Zeit neu, Sprachformen für ihre inneren Umtriebe zu finden. Bildende KünstlerInnen befördern das eben unter anderem mittels Zeichnungen, Collagen, Malereien.

 

Der eigentliche Malakt geschieht bei ihr schnell und intensiv. Sie geht völlig im Malen auf, gerät leicht in einen euphorisierenden Schaffensrausch. An einem mittelgroßen Bild arbeitet sie wenige Stunden.

 

Diese Haltung forciert das Hervortreten unterbewusster Elemente. Ihrem Unterbewusstsein wird erlaubt, sich zu offenbaren. Dieser Vorgang ist geradezu eine besondere Möglichkeit, mittels der Kunst dem Unterbewusstsein ein Sprachrohr zu geben. Durch den Prozess des Aufsteigens und der unmittelbaren Kondensation im Bild formt es Zeichen seines Zustandes. Bei der Betrachtung durch andere kann es gedeutet und erkannt werden.

 

Die Unterbewusstseine verschiedener Menschen tauschen sich u.a. über den Umweg der Kunst aus und verständigen sich sozusagen von Unterbewusstsein zu Unterbewusstsein. Die Künste sind unter anderem eine Unterhaltung von Unterbewusstsein zu Unterbewusstsein. Dass wir ein anderes Unterbewusstsein verstehen können, hängt damit zusammen, dass wir über das Evolutionäre, über das Körperliche, über das Soziale ähnlich strukturiert sind.

 

Mit ihrer schnellen, gestischen Malhaltung ist Christine Waldbüßer eine typische, expressive Malerin!

 

Will man ihre Themen und Werkgruppen im Nachhinein strukturell erfassen, so scheint es auf den ersten Blick so, als wäre die Findung von Themen und Werkgruppen ein relativ rationaler Akt. In Wirklichkeit jedoch sind ihre gefundenen Themen eher Ausdruck unbewusster Elemente und Tendenzen. Ihre Aufgabenstellungen findet sie aus dem Herzen, aus dem Gefühl, unmittelbar aus dem Augenblick heraus. Bei ihrer Haltung, das liegt in der Natur der Sache, wird sie sich auf ihre jetzigen Themen zukünftig nicht beschränken.

 

Die Künstlerin erarbeitet sich so verschiedene Werkgruppen, in denen jeweils einige Bilder unter einem Leitthema stehen. Eine der Obergruppen, sind ist z.B. ihre sogenannten „Landschaften“, die sich in vier Hauptgruppen aufgliedern lassen. Hierzu gehören die Bilder der „Fleischlandschaften“ sowie die „Apothekenbilder“, die durch Übermalung und Collagierung medizinischer Schautafeln entstehen. Die dritte Obergruppe der „Landschaften“ sind die sogenannten anheimelnden „Bettenlandschaften“. Einem vierten Block sind die realen Landschaften, unserer natürliche Umgebungsmaterie, zugeordnet. Hier kreist alles um Wasser, Feuer, Erde und Luft. Bei diesen Bildern geht es um Kontemplation, um Entschleunigung, - eine Betrachtungsmöglichkeit, die Beschaulichkeit auslöst, die ruhiges Verweilen intendiert.

 

Der Künstlerin ist eine Auseinandersetzung mit der Materie sehr wichtig. Deshalb gibt es unter dem Oberbegriff Landschaften noch einen vierten Komplex, in dem vom Menschen geformte Materie eine besondere Rolle spielt. Christine Waldbüßer fängt momentane realistische Situationen ein, also z.B. vom Menschen arrangierte Dinge, eben Stillleben, die sich auch als „Stilllebenlandschaften“ deuten lassen.

 

Eine zweite Obergruppe neben den Landschaften ist eine noch offene, eher experimentelle Werkgruppe, in der sie die verschiedenen Landschaftstypen neu verknüpft. So ergeben sich Bilder mit malerischen Farbvisionen oder die sogenannten „Streifenbilder“. Außerdem erfindet sie Collagen. Hier montiert sie, kombiniert neu, malt darin herum. So schafft sie sich neue Malvorlagen, die öfter zu eigenständigen Bildern, gewissermaßen gemalten Collagen, voller neuer Formenspiele führen.

 

Manche Serien, wie z.B. die Bettenlandschaften, die Naturlandschaften oder die Wolkenlandschaften, zeigen sich weniger als total realistische Abbildungen; man kann sie eher als eine Anhäufung verschiedener Formen sehen, die Beziehungen eingehen, sich abgrenzen, ineinander verschwimmen. Ihre Proportionen, ihre Anordnungen führen auf dem Bild ein Eigenleben, das gerade noch als Wolkenmotiv erkannt und gedeutet werden kann. Ihr Realismus ist unscharf. Die Themenkreise dienen eher als Hilfskonstruktionen, die es ermöglichen und herausfordern, den Formpaketen einen jeweils eigenen Charakter aufzuprägen und neue Formen zu erfinden. Die speziellen Gegebenheiten der Themenkreise provozieren die Erschaffung neuer Formen, ihre Anordnung, ihre Beziehung zueinander, sowie die jeweiligen Farbstimmungen. So färben beispielsweise die Fleischlandschaften die Formenwolken fleischrot ein, während die Wolkenbilder von Weiß und Blau geprägt sind.
Collagen, die unabhängig vom Thema spielerisch geklebt werden, werden nicht einfach abgemalt. Sie stehen für sich. Öfter dienen sie aber als anregende Vorlagen, bei denen Farbstimmungen, Formgestalten und Formbezüge frei interpretiert werden und zu völlig neuen Bildern wachsen.

 

Ihre realistischen Skizzen und größeren Arbeiten zeigen sehr deutlich, dass sie durchaus in der Lage ist, Wolken wie Wolken zu malen. Durch die Unschärfe wird dem Betrachter gerade noch eine Richtung vorgegeben, der er mit seinen Assoziationen folgen kann. Weil ihr Realismus oft nur realismusähnlich ist, kann man die Malereien auch als reines Formenspiel genießen.

 

Drei Werkgruppen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Deshalb will ich mich darauf speziell einlassen. Da ist einmal die Serie der eigenwilligen sogenannten Apothekenbilder, dann die Folge der Fleischbilder, sowie zuletzt die Serie der Streifenbilder.

 

Bei den Apothekenbildern wurden medizinische Schautafeln partiell übermalt und manchmal durch Bildfetzen aus Zeitschriften ergänzt. Sie wirken extrem brüchig, voller optischer Unruhe und krasser Gegensätzlichkeit. Der innere Mensch der medizinischen Abbildungen wird mit abstrakten Formen konfrontiert.

 

Wie kann man die vielen Apothekenbilder in ihr Werk einordnen? Ganz sicher stellen sie ein Experiment dar, bei dem sich die Malerin mit dem menschlichen Innenleben auseinander setzt, den Organen, Adern und Nerven, mit Gesundheit und Krankheit. Dieser Bilderzyklus steht zwar für sich, ist allerdings ebenfalls als Anregung für neue abstrakte Formenspiele zu sehen. Danach entwickeln sich Formen und Farben vielfältiger und abwechslungsreicher. Als Folge dieser experimentellen Bilder nimmt sie vorsichtig collagierte Elemente in ihre Formenwelten auf. Sie konfrontiert ungegenständliche Formen mit den gedruckten Bildfetzen.

 

Nebenbei wirft das die Frage auf, ob nicht das Malen mit einer derart versunkenen Intensität, auch immer ein bisschen sich gesund malen bedeutet. Und zwar dadurch, dass verborgenes Inneres durch den schnellen Malakt aus den Tiefen des Unterbewusstseins ans Tageslicht befördert wird, sich so entkrampft, befreit, greifbar und formulierbar wird. So wird Unterbewusstes überhaupt erkennbar und bearbeitbar. Dies ist ganz im Sinne einer unterstützenden Heilung von Körper, Geist und Gemüt.

 

Die sogenannten Fleischbilder springen einen Betrachter geradezu an in ihrer roten Fleischlichkeit. Das hier und da gesetzte Blau verstärkt die heftige Vibration. Die unter der Haut liegende fleischliche Materie stülpt sich roh und blutrot nach außen. Der Assoziationsraum öffnet sich in Richtung Verletzlichkeit, Vergänglichkeit, Schmerz, Leid und Tod. Das sind unbarmherzige Schnitte durch das Fleisch hindurch. Für mich strahlen diese Bilder eine hochemotionale Intensität aus, vielleicht die intensivste aller Werkgruppen. Das ist durchlebtes Leid nach außen geworfen, krass auf die Leinwand. Hier zeigt sich die typische Kraft expressiver Malerei.

 

Bei den Streifenbildern werden die bekannten Formenhaufen und realistische Sujets durch ein Streifenmuster überlagert und gestört. Vom übermalten Grundmotiv bleibt nur noch eine Ahnung übrig. Genau das Rätselhafte macht diese Bilderreihe so interessant, optisch reizvoll sind sie allemal, weil man versucht ist, die hinter dem Gitter liegenden Motive zu deuten.

 

Da Christine Waldbüßer ihren persönlichen, künstlerischen Weg gefunden hat, der von der Anlage her offen für neue Situationen ist, kann man erwarten, dass bei ihrer intuitiven Suche ihr noch einige neue Themen und Werkgruppen zufallen werden. Man darf gespannt sein auf die neuen Bilder.

 

Wolfgang Pohl, Hamburg, 2013